Interview mit Amani
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Bastet Nr.
4 / 2004
Amani ist sicher die – auch im Westen – bekannteste
Tänzerin aus dem Libanon. Sie begann ihre Tanzkarriere 1987
und tritt seither in vielen arabischen Ländern, aber auch
weltweit auf. Ausserdem unterrichtet sie internationale Tanzworkshops – der
erste war übrigens 1995 in Frankfurt.
Seit 1993 produziert Amani Bühnenshows. Die ersten nannte
sie „Histoires“ (Geschichten). 1999 folgte „Amani
hawla al Aalam“ (Amani um die Welt), eine Show, die verschiedene
Folkloretänze der Welt präsentierte. Jeder Tanz erzählt
eine Geschichte aus dem jeweiligen Land. „Ayyam wa Layali
Amani“ (Tage und Nächte von Amani), 2001, erzählte
Geschichten, wie sie durch die Augen verschiedener Frauen gesehen
werden. In „Layali El Hob“ (Nächte der Liebe),
2002, geht es um Liebesgeschichten mit einer Mischung von alter
und moderner Musik.
Ich habe Amani im Mai 2004 in Beirut getroffen, wo sie sich freundlicherweise
für ein Interview zur Verfügung gestellt hat.
Bevor ich hierher kam, habe ich ein paar Deiner Videos gesehen
und bemerkte, dass Du Bewegungen benutzt, die auch Nadia Gamal
tanzte. Hast Du bei ihr gelernt?
Also, zuerst einmal möchte ich sagen, dass Orientalischer
Tanz ein begrenztes Repertoire an Bewegungen hat. Wenn Du also
Nadia Gamal siehst, wirst Du bemerkten, dass sie viele Bewegungen
hat, die ähnlich sind – auch zu anderen, älteren
Tänzerinnen. Bewegungen gehen von einer Tänzerin zur
nächsten über und ändern sich mit den Tänzerinnen.
Dies sind die Basisbewegungen, das was wir lernen. Und nachdem
wir diese gelernt haben, gehen wir zu unserem eigenen Stil über.
Welches Video hast Du gesehen?
Unter anderem das von Frankfurt.
In dieser Show hatte ich schon meinen eigenen Stil, der verschieden
war zu allen andern. Denn nachdem ich meine Karriere mit den Basisbewegungen
gestartet hatte, musste ich vorangehen.
Und wenn Du heute Deine Tänze kreierst, woher nimmst Du Deine
Inspiration?
Von der Musik selbst.
Ich habe auch ältere Videos, Sammlungen von verschiedenen
Tänzerinnen.
Diese Auftritte sind vom Libanesischen Fernsehen kopiert. Davon
bin ich seit etwa 10 Jahren weg. In 10 Jahren gab es also kein
Video meiner neueren Auftritte ausser dem von Frankfurt, weil ich
dort war.
Planst Du, ein Video zu produzieren?
Ja, wir planen, eine DVD zu produzieren, die in ein paar Monaten
auf dem Markt sein wird..
Wird das eine Show-DVD sein?
Ja, von meiner Show „Amani um die Welt“, die 1999/2000
auf der Bühne war. Es gibt darin verschiedene Arten von Orientalischem
Tanz – ich nenne es nicht Bauchtanz – und auch folkloristische
Tänze aus der ganzen Welt.
Dabei bist Du mit einer Gruppe aufgetreten?
Ich tanze seit 1993 mit Gruppen. Aber ich glaube nicht, dass diese
Videos auf dem Markt sind. Und es gibt noch mehr Material, das
nicht veröffentlicht ist. Wenn ich im Fernsehen auftrat, wurden
meine Tänze gestohlen und verkauft. Darum habe ich die Bühnenshows
für mich behalten und mache sie öffentlich, wenn die
Zeit dafür reif ist.
Hast Du Pläne für eine weitere Show?
Ja, wir bereiten etwas vor für ein Festival im Libanon im
Sommer 2005. Diess wird viel von meiner Zeit beanspruchen, weil
sie auf einem sehr offiziellem Level präsentiert wird. Danach
werden wir damit in verschiedenen Ländern auf Tournee gehen.
Die Gruppe wird aus etwa 60 TänzerInnen bestehen.
Das wird also eine abendfüllende Show?
Ja, es sind immer Shows über 2 Stunden, die ich auf einer
Bühne, im Theater präsentiere, zusammen mit meiner Tanzgruppe
und meinen Musikern. Ein richtiges Spektakel.
Wer trainiert die Gruppe?
Für Orientalischen Tanz mache ich meine eigenen Choreografien.
Aber wenn es moderner westlicher Tanz ist, Folklore usw. lassen
wir Choreografen kommen, die Spezialisten für den jeweiligen
Stil sind. Wir haben Armenisch, Marokkanisch, Ägyptisch, Libanesisch,
Persisch usw. Sogar im Orientalischen Tanz gibt es verschiedene
Stile, den classischen Ausdruck, den Ägyptischen Stil, historischen
Tanz und Innovatives.
Für diesen Juni hattest Du ein Tanzfestival im Libanon geplant,
musstest es aber absagen.
Ja leider, wir bekamen vor allem nach den Anschlägen in Spanien
viele besorgte E-Mails und Warnungen von Botschaften betreffend
die politische Lage. Sie sagten, dass sie es vorziehen würden,
wenn wir das Festival auf die Zeit nach September 2004 verschieben.
Darum haben wir aus Sicherheitsgründen beschlossen, „Amani’s
Oriental Fiesta“ auf ein späteres Datum zu verlegen.
Es geht nicht nur um den Libanon, sondern um den ganzen Mittleren
Osten, Africa und sogar Europa.
Das ist schade – es wäre eine richtig grosse Sache
geworden.
Ja, es tut mir leid – aber das Festival ist nicht abgesagt,
nur verschoben!
Du hast schon einige CDs veröffentlicht, wird es eine neue
geben?
Die Musik dieser CDs ist jene, die jeweils extra für die
Shows geschrieben wurde. Wenn also die Bühnenshow abgelaufen
ist, wird die CD veröffentlicht.
Tritts Du auch noch ausserhalb Deiner Shows auf?
Wenn ich keine meiner Bühnenshows habe, trete ich manchmal
an speziellen Anlässen auf, aber nicht in Nachtklubs oder
Restaurants – und nur sehr selten an Hochzeiten. Ich brauche
ein grosses Theater, um zu tanzen, ich liebe die Bühne, dort
liegt die Kunst.
Aber Du unterrichtest Tanzklassen?
Ja, ich gebe regelmässig Anfängerkurse hier und ich
unterrichte Seminare für Masterclass.
Ich habe den Eindruck, dass es hier im Libanon sehr modern wird,
Tanzunterricht zu nehmen.
Normalerweise tanzen die Leute wann und wo immer möglich,
in jedem Nachtklub – sie sind tanzend aufgewachsen, haben
aber keinen Unterricht besucht. Aber ich denke, es macht ihnen
Spass, zusammenzukommen als eine Gruppe, um die Klasse zu geniessen
und sich ein wenig zu bewegen. Denn wenn man nur im Nachtclub oder
mit Freundinnen tanzt, hat man keine Ausbildung und nicht die richtigen Übungen.
Sie kommen also nicht in Deine Klassen, um professionelle Tänzerinnen
zu werden?
Nein, ich gebe diese Klassen für „ganz normale“ Frauen.
Für die Masterclass-Workshops hingegen müssen die Teilnehmerinnen
schon Profis sein und ein sehr hohes Niveau haben.
Wie siehst Du die libanesische Tanzszene im Allgemeinen?
Vor 10 Jahren gab es hier viele Nachtklubs und viele Libanesen
gingen abends aus, um sich zu amüsieren. Im Moment gehen wir
aber durch eine wirtschaftliche Krise und die Dinge stehen schlecht.
Es verlassen viele Leute das Land, um ein besseres Einkommen zu
haben. Manche haben nicht einmal das Geld, um ihre Kinder zur Schule
zu schicken. Es heisst aber, dass es bald besser werden soll.
Die Situation ist also schlecht für Tänzerinnen?
Sie ist schlecht für die Kunst im Allgemeinen. Früher
gab es im Libanon jedes Jahr um die 20 Theaterstücke – jetzt
haben wir vielleicht noch eines.
Ich war in einem Restaurant mit einer Tänzerin und werde
mir auch noch mehr anschauen.
Ich möchte mich im voraus entschuldigen, wenn Du dabei nichts
Anständiges zu sehen bekommst. Einige der Tänzerinnen
sind sehr billig und benehmen sich unanständig. Ich habe mir
ein paar dieser Auftritte angesehen, gehe aber nicht mehr hin.
Wenn eine Tänzerin ihre Brüste ins Gesicht eines Gastes
schüttelt, hat das nichts mehr mit Orientalischem Tanz zu
tun!
Auf Deiner Website habe ich gesehen, dass Du den Ursprüngen
des Orientalischen Tanzes nachgeforscht und dabei andere Fakten
gefunden hast, als allgemein bekannt sind.
Das habe ich vor längerer Zeit gemacht. Man sagt, der Orientalische
Tanz komme von Ägypten und aus pharaonische Zeit. Ich habe
entdeckt, dass er aus anderen Gegenden stammt. Seine Hochblüte
hatte er in Baghdad in der Abassidischen Periode und in Damaskus
in der Omayyadischen Zeit. Aber in Ägypten, habe ich herausgefunden,
gab es viele Tänze und eine sehr gute Ausbildung, aber das
verschwand und was blieb sind nur die Volkstänze.
Gut, lass uns jetzt über Kleider reden! Du hast immer diese
schönen Kostüme. Entwirfst Du die selbst?
Manche schon, aber meistens arbeite ich mit meinem Designer zusammen.
Manchmal ist es seine Idee, manchmal meine, manchmal ein gemeinsamer
Entwurf. Wir haben viele sehr gute Designer im Libanon und die
Handarbeit ist sehr anders als in anderen Ländern, es werden
andere Materialien verwendet.
Das werde ich mir dann mal anschauen. Denn ausser raubkopierten
Videos sehen wir im Westen kaum etwas von der libanesischen Tanzszene.
Es ist schön, dass Du den Libanon besuchst. Viele Leute denken,
dass wir in einem schrecklichen Land leben. Aber das ist nicht
der Fall. Meistens will die Propaganda etwas anderes in die Köpfe
der Leute bringen als die Wahrheit, das tut mir leid. Das ist auch
einer der Gründe, warum mein Team und ich uns gedacht haben,
während des Tanzfestivals den Leuten Gelegenheit zu geben,
die historischen Stätten zu besuchen, sich umzusehen, schwimmen
zu gehen usw.
Gibt es sonst noch etwas, was Du sagen möchtest?
Ich möchte allen danken, die sich für Orientalischen
Tanz interessieren – ich liebe diesen Tanz auch. Und ich
denke, dass wir alle daran arbeiten, diese Kunstform zu erhalten.
Das erwähnte Video ist mittlerweile erschienen: http://www.maqam.com/store/p/1429-Amani-Around-the-World.html
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