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Interview mit Helena Cremona in Beirut
Dieser Artikel ist zuerst erschienen in Bastet Nr.
4 / 2004
Während meines Beirut-Aufenthaltes im Mai
2004 hatte ich die Gelegenheit, täglich Privatstunden mit
Helena Cremona zu nehmen. Sie ist so eine Art Raqia Hassan des
Libanon und beschäftigt sich schon 20 Jahre mit dem Orientalischen
Tanz.
Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt,
um sie ein wenig auszufragen. Ihre Antworten könnt Ihr hier
lesen.
Helena, erzähl mir etwas über
Deinen Werdegang
Ich habe bei meiner Lehrerin Nadia Gamal begonnen,
der berühmtesten Tänzerin im Libanon. Bei ihr habe
ich Orientalischen Tanzunterricht gelernt von 1982 bis 1990
und auch in ihrer Gruppe getanzt. Da ich sehr schnell lernte,
war ich bald ihre beste Schülerin.
Nach einiger Zeit wurde ich ihre Assistentin
und half ihr mit den Anfängerinnen. Nachdem sie 1990
verstarb, begann ich, alleine ihren Stil zu unterrichten,
der sehr elegant und schön ist. Natürlich habe
ich über die Jahre auch meinen eigenen Erfahrungen eingebracht,
aber ich werde mich weiterhin an das halten, was sie mich
gelehrt hatte. Seit 1990 habe ich in vielen Schulen und Fitnessclubs
unterrichtet und ich habe auch meine eigene Schule, das "Helena
Dance Center".
Hast Du vorher andere Stile getanzt?
Ja Folklore, libanesischen Dabke. Ich habe
mit der berühmten Sängerin Feyrouz gearbeitet.
Wir bereisten viele Länder für Konzerte und ich
liebte sie sehr. |
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Alle hier sollten libanesische Folklore kennen. Sie
macht Spass, weil sie in der Gruppe getanzt wird. Aber heutzutage
vergessen das viele, weil die internationalen Tänze modern werden. Die jungen Frauen und Männer
machen sich nichts aus Folklore. Das sollten sie aber, es ist die Geschichte
unseres Landes.
Kannst Du mir etwas über Nadia erzählen?
Sie hatte einen griechischen Vater und eine italienische Mutter. Mit 3
Jahren begann sie in Ägypten den Orientalischen Tanz in einer grossen
Schule dort zu lernen. Nadia trat in Athen und vielen europäischen
und arabischen Ländern auf. Sie wurde bekannt und zog später
in den Libanon, weil sie hier verheiratet war. Nadia wurde zur beliebtesten
Tänzerin im Libanon - alle kennen sie und lieben sie und ihren Stil
- sie war die perfekte Frau. Ausserdem war sie die erste, die hier zu unterrichten
begann.
1990 starb Nadia mit 55 Jahren an Krebs. Wir verloren mit ihr eine grosse,
berühmte Frau. Nadia hatte während 35 Jahren hart gearbeitet,
sie wirkte in vielen Filmen mit und war auch Schauspielerin.
Und Du warst in ihrer Folklore Gruppe?
Ja, wir arbeiteten mit ihr etwa 2 oder 3 Jahre als eine gemischte Tanzgruppe
mit Männern und Frauen. Ich war die Choreografin dieser Gruppe, die
mit Nadia auf der Bühne tanzte. Wir alle liebten es zu tanzen und
arbeiteten hart. Und wir waren wie eine Familie für Nadia - sie hatte
ausser ihrem Ehemann niemanden hier.
Amani tanzte auch in unserer Folkloregruppe, als sie jung war. Aber sie
nahm keinen Unterricht mit Nadia. Sie zog den Orientalischen Tanz vor,
trennte sich von der Gruppe und machte ihren eigenen Weg, um eine berühmte
Tänzerin zu werden.
Nach einer Weile wollte ich unterrichten, ich liebte den Orientalischen
Tanz so sehr. Also liess ich mich von Nadia zur Lehrerin ausbilden. Ich
bekam ein Zertifikat von ihr, das mich als Orientalische Tanzlehrerin qualifiziert.
Sie vertraute mir und wusste, dass ich die Kraft und Fähigkeit hatte,
eine Lehrerin zu sein, denn ich war die beste Studentin in ihrer Schule.
Als Nadia in Kanada im Sterben lag, rief sie die Schule an und sagte ihnen,
dass ich die Klassen für sie übernehmen sollte.
Wer nimmt bei Dir Unterricht?
Ich ziehe die älteren Frauen vor. Die jungen mögen den Tanz
nicht so. Sie sind faul und man muss sie antreiben, denn die Eltern wissen
mehr über das Tanzen als sie! Ich habe Frauen um die 50 und 60. Sie
tanzen gerne, weil es gesund ist für ihre Körper, vor allem nach
der Menopause. Sie bewegen ihre Bäuche und Hüften und bleiben
jung und stark. Sie fühlen, dass sie nur das brauchen als Training.
Denn in ein Fitness-Studio zu gehen wäre zu anstrengend für sie.
Ausserdem, da wir hier Orientalinnen sind, verstehen wir die Musik und
Lieder, und alle Frauen mögen das.
Ich habe andere Schülerinnen, die Tänzerinnen werden wollen.
Sie kommen und ich choreographiere eine Show für sie, um auf der Bühne
zu tanzen. Ich bringe ihnen bei, wie man sich auf der Bühne bewegt,
den Kontakt mit den Zuschauern herstellt, die Musik hört. Es ist nicht
einfach, den Tanz zu lernen!
Ich habe viele Tänzerinnen hier wie Elissar, Noura - ich habe ihr
bei einem Videoclip geholfen - viele Europäerinnen, Rumäninnen,
Ukrainerinnen. Denn sie wissen, dass sie die Technik lernen müssen.
Manche rufen mich an: „Helena, kannst Du mir 5 neue Tänze geben?“ und
ich mache es für sie. Sie vertrauen mir als Lehrerin - schliesslich
habe ich meinen Namen nicht in zwei Jahren gemacht, sondern in 20 Jahren.
Ich habe hart gearbeitet, um Nadia Gamal’s Stil zu vollenden und
an diesem Punkt anzukommen.
Du hast ein grosses Repertoire an Choreografien. Wie entwickelst Du diese?
Ich bin daran gewöhnt - wie in jedem anderen Beruf ist die Erfahrung
wichtig. Die Erfahrung und viel Tanzen ermöglichen es mir, die Bewegungen
aus mir herauszuholen, sie fallen mir sofort ein, wenn ich die Musik höre.
Ich muss nichts von jemand anderem nehmen. Wenn Du mir eine neue Musik
gibst, werde ich Dir sofort eine Bewegung geben. Ich nehme die Bewegungen
aus meinem Herzen, weil ich den Tanz liebe, er ist mein Leben.
Wie sieht die allgemeine Situation für Tänzerinnen aus, um Arbeit
zu finden usw.?
Eine Tänzerin kann Arbeit finden, wenn sie will, sie braucht aber
einen korrekten Agenten, um ihr zu helfen. Tänzerinnen können
dann in allen arabischen Ländern arbeiten, um Geld zu verdienen. Aber
eben nur für das Geld - sie können nicht berühmt werden,
weil sie zuerst an das Geld denken, anstatt sich einen Namen zu machen.
Ich habe ein paar Mädchen getroffen, die nach ein paar Monaten ein
grosses Haus und 2 oder 3 Autos hatten. Das können keine richtigen
Tänzerinnen sein. Denn um sich einen Namen zu machen, muss man 3,
4, 5 Jahre lang hart arbeiten - wenn man danach eine reiche Frau werden
will, kann man das.
Orientalischer Tanz ist sehr hart, er ermüdet einem, weil man üben
und trainieren muss, um zu lernen. Tänzerinnen brauchen eine Ausbildung,
sie müssen Musik lernen, auch ein Instrument. Sie müssen den
ganzen Tag üben, um eine Tänzerin zu werden, das ist nicht in
2, 3 Monaten getan.
Wer sind Deiner Meinung nach die besten Tänzerinnen im Moment?
Früher hatten wir verschiedene bekannte Tänzerinnen, zum Beispiel
Dani Boustros, die jetzt tot ist. Jetzt haben wir nur Amani und Samara.
Unter den anderen ist keine speziell, sie haben alle das gleiche Niveau.
Amani und Samara haben jahrelang hart gearbeitet. Es ist nicht einfach
zu sagen, wer die nächste berühmte Tänzerin sein wird, denn
viele denken nur ans Geld. Ich hoffe, dass alle Mädchen realisieren
werden, dass sie Geld verdienen und gleichzeitig einen guten, sauberen
Namen haben können, wenn sie hart arbeiten.
Bis jetzt gehörten alle Leute, mit denen ich in der hiesigen Tanzszene
zu tun hatte, zur christlichen Bevölkerungsgruppe. Warum ist das so?
Weil die Muslime es nicht akzeptieren können, dass eine Frau Tänzerin
ist und mit offenen Kostümen auftritt. Sie wollen, dass die Frauen
sich bedecken, sie sind nicht tolerant. Die Christen akzeptieren es. Wir
leben in einem arabischen Land, aber die Leute verstehen, dass es eine
Arbeit wie jede andere ist. Jeder muss korrekt sein im Leben - wenn Leute
einen Fehler machen wollen, werden sie es als Doktor oder als Tänzerin
tun. Und es ist nicht einfach, eine Tänzerin zu sein, es ist harte
Arbeit.
Du hast mir gesagt, dass Du eine DVD produzieren willst.
Ja, ich habe diese Idee seit vielen Jahren. Das Thema wird sein, wie man
eine Tänzerin und Lehrerin werden kann. Denn ich habe viele Jahre
gearbeitet, ich brauche etwas für später. Eines Tages werde ich
nicht mehr unterrichten können, also brauche ich ein Video. Leider
kann ich das momentan nicht machen, es braucht Leute, die die Verantwortung übernehmen
und ich will mit Profis arbeiten. Es braucht Zeit, alles zu organisieren.
Hast Du andere Pläne?
Mein Traum wäre eine Bühnenshow mit einer Gruppe, ein Tanztheater. |