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Im
Dezember 1998 bereiste ichTamil Nadu. Zwei spannende und interessante
Wochen haben wir dort verbracht. Unter anderem besuchten wir auch
einen Anlass, an dem sich verschiedene Bharata Natyam Schulen
aus ganz Indien beteiligten. Einerseits wurden einzelne Tanzstücke
gezeigt, andererseits ganze Tanzdramen.
Bei
beiden waren auch Kinder vertreten, die mich besonders beeindruckten.
Ich habe normalerweise etwas Mühe damit, wenn Kinder im Showbusiness
"verheizt" werden, so nach dem Motto, "Ach wie süss,
diese Kleinen!" Diese Kinder hier (bis auf einen Jungen alles
Mädchen) unterschieden sich total davon: sie waren nicht als
etwas unbeholfene Dekoration auf der Bühne sondern als vollwertige
Künstler mit ihrem eigenen Stolz. Zum Teil hatten sie schon
sehr jung mit dem Bharata Natyam-Studium begonnen und beeindruckten
durch ihr Können und vor allem auch durch eine unglaubliche
Präsenz und Ausstrahlung, die auch bei längeren Tanz-Stücken
noch anhielt.
Was
gab es sonst zu sehen? Tempel natürlich! Besonders interessant
fand ich, dass es hier nicht nur alte, tote Mauern zu sehen gibt,
sondern die Tempel aktiv in Betrieb sind. Man kann sie sich darum
auch nicht einfach nur "anschauen" (ausser vielleicht
in einer abgeschirmten Reisegruppe). Wer einfach mal offen und neugierig
seine Schuhe am Tor abgibt und den Tempel betritt, dem kann es schnell
passieren, dass er ins Geschehen eingebunden wird.
In
Madras (neu Chennai)
z.B. hatte sich gleich ein Priester unser angenommen und führte
uns zum Altar der Gottheit, für die er zuständig ist,
wo er für uns betete - gegen Entgelt natürlich. Merke:
Religion und Geschäft schliessen sich im Hindu-Tempel nicht
aus! Naja, etwas peinlich war, dass man uns den Ehrenplatz zuvorderst
zugedacht hatte. So konnten wir natürlich nicht bei anderen
Leuten abschauen, was mit der an uns verteilten grauen Asche zu
machen wäre... Und da standen wir dann halt, bis uns jemand
einen Wink gab. Danach wollten noch diverse andere hilfsbereite
junge Männer für uns beten... Es war ein grosser Tempel
und die Auswahl an Gottheiten dem entsprechend! Jedenfalls konnte
uns nach sovielen Gebeten ja fast nichts mehr passieren für
unsere Weiterreise!
Und
wenn man schon an der Quelle ist, geht man natürlich auch zum
Schneider! Es ist erstaulich günstig, sich ein Tanzkostüm
masschneidern zu lassen. Bei Shanthi
Tailors kann man seine Masse sogar schon im voraus angeben.
Das kann ganz praktisch sein, denn für ein klassisches Bharata
Natyam-Kostüm braucht es immerhin 15 verschiedene Massangaben!
Dafür sitzt das fertige Produkt auch bestens.
Dann
kommt natürlich noch der entsprechende Schmuck dazu, der fast
grenzenlos ausgebaut werden kann. Die Inder sind sehr einfallsreich
darin, noch mehr Orte zu finden, wo man sich mit Schmuck behängen
könnte (und das ohne Bauchnabelpiercing...). Es gibt z. B.
nur schon drei Nasenringe, die gleichzeitig getragen werden - natürlich
darf geschummelt (also angeklemmt) werden. Genauso wie auch falsche
Haarteile beliebt sind, die es leider nur in schwarz gibt. Wer wie
ich dunkelblond ist, muss sich selber helfen.
Nachdem
wir den "geschäftlichen" Teil mal hinter uns gebracht
hatten, stürzten wir uns auf das Abenteuer Zugfahrt.
Tja, wer dem Mann am Schalter nicht gleich sagt, dass er 1. Klasse
fahren will, der bekommt natürlich einen Sitz in der 2. Klasse...
Nachdem wir uns mal kurz alle möglichen Horrorszenarien ausgemalt
hatten, erinnerten wir uns an den wichtigsten Satz in Indien: NO
PROBLEM! Und siehe: wohl waren die Sitzbänke nicht übermässig
bequem und die offenen Fenster mit den Gitterstäben erinnerten
uns ein wenig an einen Gefangenentransport... Aber das Zugabteilwar
blitzsauber, nur knapp voll, der reservierte Platz frei und die
Mitreisenden sehr freundlich. Naja, geschlafen habe ich auf dieser
13stündigen Nachtfahrt nach Madurai fast gar nicht, obwohl
es schon nach 21.00 Uhr unerwartet ruhig in den Gängen wurde
- dafür wurde um 6.30 Uhr morgens aufgestanden.
In
Madurai
wurden wir dann vom Kaufrausch gepackt. Ja, wenn einen doch
alle so nett einladen, mal schnell einen Blick in den Laden zu werfen...
Wir gerieten auch in die Klauen der Schnell-Schneider, die einem
jedes erdenkliche Kleidungsstück in kürzerster Zeit zusammenbasteln
- in unterschiedlicher Qualität. Aber natürlich durfte
auch ein Besuch im Meenakshi-Tempel nicht fehlen. Er ist riesig,
und es ist ziemlich einfach , sich darin zu verlieren. Spätestens
wenn man zum 3. Mal an den Tempel-Elefanten vorbeikommt, sollte
man vielleicht mal die Taktik ändern...
Hier
haben wir auch das beeindruckendste Internet-Zentrum angetroffen:
Klimatisiert, mit 6 blitzenden Stationen, wo man seinen Lieben daheim
einen Reise-Bericht schicken kann. E-Mail kann man mittlerweile
übrigens auch in Indien von jedem Kuhkaff aus schicken; wir
haben überall einen Zugang auf's Netz gefunden, und wenn's
nur ein Computer mit Schwarzweiss-Bildschirm in einem Hinterzimmer
war.
Nach
weiteren Sehenswürdigkeiten (Palast, Gandhi-Museum...) und
um einige Rupien ärmer bestiegen wir wieder den Zug nach Norden,
diesmal 1. Klasse. Der Unterschied: geschlossene Fenster, Air Condition
- und es wurde wirklich erstklassig geschnarcht. Also schon wieder
nix mit schlafen...
In
Kanchipuram wurden wir in den (zugegeben sehr interessanten)
Tempeln dermassen abgezockt, dass wir schon nach 24 Stunden den
Ort wieder fluchtartig verliessen. Merke: betrete nie einen Tempel
ohne Kleingeld - sonst wirst du die grossen Noten los.
Aber
schon nach einer 2stündigen Fahrt im Rumpelbus wurde alles
viel besser: Wir erreichten Mamallapuram (auch Mahabalipuram
- übe!). Dieser kleine Ort am Meer nur 2 Fahrstunden südlich
von Madras hat es uns angetan! Hier blieben wir dann auch gleich
4 Tage. Endlich mal nicht mit Verkehrslärm einschlafen sondern
zum Rauschen des Meeres... Und dann die fangfrischen Meeresfrüchte!
Und noch mehr Tempel!!! Dieses Mal altertümliche. Ausserdem
wird hier sehr viel in Stein geschnitzt und die kashmirischen Ladenbesitzer
öffnen gerne ihre Schmucktruhen. (Wo ist nur all unser Geld
geblieben?). Auf einer echt indischen Enfield Bullet durch die Gegend
zu tuckern gehört natürlich auch dazu. Und dann erst dieses
romantische Prasseln des Regens auf dem Dach... Kurz, der Monsun
wollte sich uns nach ein paar Tagen auch noch kurz präsentieren.
So
machten wir uns halt wieder auf nach Madras. Nachdem ich
mich anfangs gefreut hatte, dort wegzukommen, war ich jetzt irgendwie
froh, wieder da zu sein. Naja, wenn's regnet ist in einem Badeort
nun mal absolut tote Hose, hier konnten wir hingegen noch einiges
erledigen. Durch überschwemmte Strassen pflügten sich
unsere Riksha-Fahrer. Aber dann beschloss ich, uns 2 Schirme zu
kaufen - von diesem Moment an fiel kein Tropfen Regen mehr! Am Freitag
hatten wir dann noch das besondere Vergnügen mit einem indienweiten
Generalstreik. Selten war die Luft in Madras so klar! Nur war natürlich
fast alles geschlossen. Zum Glück hatten wir im Zug Bekanntschaft
mit einem Computergrafiker gemacht, der mit uns ein wenig herumhängte
und uns auch zu sich nach Hause einlud.
Wie
viele andere Inder waren auch seine Leute total begeistert, dass
ich einen Sari trug. Ich hab immer wieder von wildfremden
Leuten Komplimente dafür bekommen und bin auch ein paarmal
fotografiert worden. Die Inder sind sehr stolz auf ihre Kultur und
freuen sich, wenn sich jemand von weit her auch dafür interessiert.
Und wenn ich dann noch sage, dass ich Bharata Natyam lerne...!
Tja,
und jetzt bin ich wieder hier. Beim Bügeln habe ich in einer
Hosentasche 300 Rupien gefunden... Was ich mir dafür alles
kaufen könnte... Indien, ich komme wieder!
PS:
Noch eine Bemerkung zu den Links: Die indischen Server sind nicht
100 % stabil, falls die Verbindung nicht gleich klappen sollte,
versuche es später nochmal.
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MEISSOUN
beim Strandtempel von Mamallapuram |
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